International
Gesellschaft & Politik

Wahl in Ungarn: Darum könnte Orban mit weniger Stimmen gewinnen

A man casts his ballot at a polling station in Budapest, Hungary, Sunday, April 12, 2026. (AP Photo/Denes Erdos)
Hungary Election
Ein Budapester wirft am Sonntagmorgen seinen Wahlzettel in die Urne – es wird eine hohe Stimmbeteiligung erwartet..Bild: keystone

Darum könnte Orban eine Mehrheit erhalten, selbst wenn sein Gegner mehr Stimmen holt

Bevölkerungsreiche linke Städte sind im komplizierten ungarischen Wahlsystem benachteiligt. Ausgerechnet die Partei, welche das System konstruiert hat, könnte einmal mehr profitieren.
12.04.2026, 10:2812.04.2026, 13:33
Simon Maurer, Budapest / ch media

Der Fall ist nur vermeintlich klar: Wer in einer Demokratie die meisten Stimmen erhält, bekommt am Ende die meisten Sitze im Parlament – so zumindest die Theorie. In der Praxis funktioniert das in vielen Ländern anders, wie man etwa bei der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten im Jahr 2016 sehen konnte. Trump erhielt insgesamt weniger Stimmen als Hillary Clinton, wurde aber dennoch Präsident.

In Ungarn ist am Sonntag ein ähnliches Szenario möglich. Die Ausgangslage ist allerdings zugespitzter als in den USA, weil das komplizierte ungarische Wahlsystem, das Viktor Orbán 2014 eingeführt hat, Verzerrungen des Wählerwillens speziell begünstigt. So ist es möglich, dass eine Partei mit deutlich weniger als der Hälfte der Stimmen am Ende eine komfortable Mehrheit der Parlamentssitze erringt.

Das Wahlrecht ist für normale Wähler kaum durchschaubar

Ein Grund dafür ist das sogenannte Gerrymandering. Orbáns Regierung hat die Grenzen der Einerwahlkreise so zugeschnitten, dass Fidesz-Hochburgen – meist kleinere, ländliche Kreise – überproportional viele Direktmandate einbringen. Oppositionelle Hochburgen, vor allem in Budapest und grösseren Städten, wurden hingegen entweder in wenige grosse Wahlkreise konzentriert oder auf mehrere Kreise verteilt.

Hinzu kommt die äusserst komplizierte Struktur des ungarischen Wahlsystems. Nur 106 der insgesamt 199 Parlamentssitze werden direkt in den Wahlkreisen an die Person mit den meisten Stimmen vergeben. Die übrigen 93 Mandate werden über die nationale Parteiliste vergeben, zu der die Wahlkreis-Stimmen von manchen Wählern noch zusätzlich hinzu gerechnet werden. Das macht es sogar für Politikwissenschaftler schwierig, eine Einschätzung zum Wahlausgang abzugeben.

Wenig überraschend wird es deshalb einige Zeit dauern, bis am Sonntagabend erste Hochrechnungen veröffentlicht werden – voraussichtlich gegen 23:00 Uhr. Schon jetzt ist aber klar, dass Oppositionsführer Péter Magyar voraussichtlich mit einem deutlichen Vorsprung gewinnen muss, wenn er die strukturellen Nachteile des Wahlsystems aufholen und die grösste Fraktion im Parlament stellen will.

Selbst die Umfragen widersprechen sich stark

Der aussenpolitische Thinktank «Atlantic Council» schätzt, dass Magyar konkret einen Vorsprung von mindestens sechs Prozentpunkten braucht, um eine parlamentarische Mehrheit zu erreichen. Princeton-Professorin Kim Lane Scheppele geht gegenüber dem linksliberalen Onlinemagazin «Vox» davon aus, dass «mindestens 10 bis 15 Prozent Vorsprung» nötig sind.

Schwierig einzuschätzen sind in diesem Zusammenhang auch die Vorhersagen der Umfrageinstitute aus Ungarn. Unabhängige und oppositionsnahe Demoskopen sehen die Tisza-Partei deutlich vorn, während regierungsnahe Umfragemacher Orbáns Fidesz einen Sieg voraussagen. Ob die rechtsextreme Partei «Mi Hazánk» die 5-Prozent-Hürde schafft, ist ebenfalls noch offen.

Am Samstag gab es bezüglich der Umfragen allerdings eine überraschende Entwicklung. Das renommierte amerikanische Umfrageinstitut AtlasIntel, das vor zwei Jahren die Wahl Donald Trumps korrekt vorausgesagt hatte, veröffentlichte erstmals eine Umfrage zu den ungarischen Wahlen. Die Prognose: Auch AtlasIntel glaubt an einen Sieg von Oppositionsführer Péter Magyar.

Entscheidender als alle Zahlenspiele wird letztlich jedoch, wie die offiziellen Wahlresultate ausfallen. Ein amtliches Endergebnis wird im Verlauf des Montags erwartet. (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Iran-Krieg in Bildern
1 / 30
Iran-Krieg in Bildern

Menschen heben bei einer Demonstration in Tel Aviv die Hände, um ein Ende des Krieges zu fordern.

quelle: keystone / maya levin
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Melania Trump weist Verbindungen zu Epstein zurück und fordert Kongress zur Aufarbeitung
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
81 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Grüblerine
12.04.2026 11:00registriert Januar 2024
Wenn Orban gewinnt, dann muss Brüssel bzgl. Ausschluss eines Staates ernsthaft über die Bücher. Für Ungarn täte es mir echt leid. Aber diesen Klotz Orban (und wohlmöglich auch Nachrichtendienstler an Putin) am Bein kann die EU sich nicht mehr länger leisten.
16812
Melden
Zum Kommentar
avatar
Lohner
12.04.2026 10:39registriert August 2025
Das System hat Orban ja so angepasst, dass es für die Opposition (wie hier beschrieben) schwer sein wird, ihn tatsächlich zu besiegen. Trotzdem hoffe ich auf eine Niederlage von Orban. Er hätte die Niederlage verdient.
1378
Melden
Zum Kommentar
avatar
Garp
12.04.2026 11:01registriert August 2018
Orban hat sich und die Fidez gut abgesichert. Eine echte Demokratie ist Ungarn schon lange nicht mehr und Wahlen können auch sehr undemokratisch sein.
1127
Melden
Zum Kommentar
81
«Ein Land kehrt auf seinen europäischen Weg zurück» – die Reaktionen zu Orbans Niederlage
Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban hat seine Niederlage bei der Parlamentswahl in Ungarn eingestanden. Die Reaktionen zu Peter Magyars Wahlsieg.
Dieser Artikel wird laufend aktualisiert.
Zur Story